Kultur der Schwäche Teil 1

Veröffentlicht am 2. Juni 2026 um 15:58

Kultur der Schwäche Teil 1

 

In meinem letzten Blog „Eine Stimmen der Stimmlosen“ habe ich die KULTUR DER SCHWÄCHE in zwei Sätzen erwähnt und kurz angedeutet, wofür sie steht. Nach einigen Gesprächen, in denen immer wieder die Frage aufkam, wie ich zu einer solchen Behauptung komme, habe ich mich entschlossen, mich im zweiten Blog diesem Thema ausführlicher zu widmen und meine Analyse darzulegen.

Meine Absicht ist hier nicht, zu provozieren, auch wenn das Titelbild diesen Anschein erwecken mag. Mein Hauptanliegen ist es, eine offene Diskussion über ein Thema anzuregen, das meiner Meinung nach sowohl in der öffentlichen Debatte als auch innerhalb der Black Community zu kurz kommt. Eine offene und ehrliche Diskussion darüber, ob diese Kultur, die wir so stark zelebrieren, ihre ursprüngliche Funktion der Stärkung einer Minderheit längst nicht mehr erfüllt und seit Jahren vielleicht eher das Gegenteil bewirkt. Ob diese Kultur, deren Ziel einst Selbstbestimmung war, heute nicht vielmehr dazu missbraucht wird, uns die alten Ketten der Unterdrückung lächelnd und tanzend wieder anzulegen.

Ich kann mir vorstellen, dass dies kontrovers klingen mag, aber ich bin bereit, mich dieser Diskussion zu stellen. Denn eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen halte ich für dringend notwendig. Vor allem deshalb, weil diese Kultur das Leben vieler Menschen, mich eingeschlossen, in Deutschland stark geprägt hat und dies noch immer tut. 

Eine Kultur, die mich in meinem neuen Zuhause aufgrund meines Aussehens mit offenen Armen empfing und mir das Gefühl des Fremdseins nahm. Eine Kultur mit der ich Aufwuchs und der ich aktiv angehörte. Eine Kultur für die ich kämpfte und lebte, wie DJ Tomek und GZA von den WU TANG CLAN einmal sagten. Eine Kultur von der ich sehr viel Liebe erhielt und der ich genauso viel Liebe zurückgab. Eine Kultur, die zu meiner eigenen wurde, die mir eine neue Identität gab und für die ich glaubte, bestimmt zu sein. Eine Kultur, die mir neue Freunde bescherte, die überwiegend denselben Background hatten wie ich und für mich wie eine Familie waren. Eine Kultur, die uns Orientierung gab und zu “starke Männern” erziehen sollte. 

Eine Kultur, die ich lange mit Stärke verband, ohne zu erkennen, dass diese Kultur in Wirklichkeit eine  große Falle war, die uns innerhalb der Gesellschaft zunehmend zu schwachen und infantilen Individuen machen sollte. Eine Kultur, die uns zu zukünftigen Analphabeten erzog und von einer Demütigung zur nächsten führen sollte. Sei es beim Bewerbungsgespräch, bei der nächsten Polizeikontrolle oder als Insasse einer der zahlreichen JVAs. Eine Kultur, die dem Staat die Legitimation gab, uns unsere unantastbare Würde zu nehmen, uns zu diskriminieren, zu marginalisieren und zu kriminalisieren. Eine Kultur, die dem Staat die Legitimation gibt, uns in Zellen in Brand zu setzen, wie der bis heute ungeklärte Fall OURY JALLOH zeigt, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen. Warum sollten sie es auch? 

KULTUR DER SCHWÄCHE ist tatsächlich mehr als nur eine persönliche Wahrnehmung. Sie basiert auf Erfahrungen und Beobachtungen, deren Tendenzen sich in den letzten Jahren deutlich verfolgen lassen. Damit mir hier keine subjektive Sichtweise unterstellt wird, die wenig mit der Realität zu tun hat, werde ich mein Bestes versuchen, diese Beobachtungen und Entwicklungen, die viele Menschen seit Jahren sehen, spüren und selbst erlebt haben, mit nachvollziehbaren Argumenten objektiv darzulegen. Falls mir das nicht vollständig gelingt, bitte ich im Voraus um Verzeihung.

 

For the Culture

 

Also was genau meine ich mit der KULTUR DER SCHWÄCHE?             

Ich denke, um diese Frage zu beantworten, ist es wichtig, zunächst zu verstehen, was eine Kultur überhaupt ist und wofür sie steht, bevor wir zwischen einer starken und einer schwachen Kultur unterscheiden. Wir kennen Sätze wie: „Das ist halt unsere Kultur“, „Deren Kultur passt nicht zu unserer“ oder „Andere Kulturen, andere Sitten“. Wir hören diesen Begriff oft, ohne uns wirklich Gedanken darüber zu machen, was er eigentlich bedeutet. So ging es mir jedenfalls, bevor ich mich näher mit dem Begriff auseinandergesetzt habe.

Das Wort „Kultur” ist sehr alt und kommt aus dem Lateinischen „cultura” und bedeutet Landbau oder Bebauung und davon leitet sich das Wort „Agrarkultur” im Englischen agriculture ab.  Sie bezeichnet alles, was nicht angeboren oder auf natürliche Weise entstanden ist, sondern vom Menschen geschaffen wurde. Somit ist Kultur das komplette Gegenteil von Natur, auf die der Mensch keinen Einfluss hat, bis jetzt. Denn wenn man sich die Zukunftsvisionen der selbst ernannten Göttern aus dem Silicon Valley anhört, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch das möglich wird. Doch dieses Thema eignet sich eher für einen zukünftigen Blogbeitrag. Die gängige Definition bezeichnet Kultur als alles, was Menschen hervorbringen. Sie bildet das Fundament einer Gesellschaft, indem sie Normen, Werte und Praktiken über Generationen hinweg weitergibt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert. Dazu gehören Bräuche, Künste, Lebensweisen. Sie umfasst auch die Art und Weise, wie wir feiern, sprechen, essen, uns kleiden und woran wir Glauben. Kultur verbindet Menschen miteinander, prägt ihre persönliche und kollektive Identität und schafft ein Wir-Gefühl. Ein schönes Beispiel dafür war die Heim-WM 2006, die wir natürlich allein Franz Beckenbauer zu verdanken hatten. Das Sommermärchen vereinte ein ganzes Land, und wir alle konnten dieses Wir-Gefühl deutlich spüren. Kultur vermittelt auch Orientierung die ein Zusammenleben ermöglichen. Darüber hinaus hilft sie dem Menschen, sich die Welt zu erschließen, und verleiht ihm auf eine gewisse Art einen Sinn. 

Man sagt auch: Je lebendiger eine Kultur ist, desto stabiler ist eine Gesellschaft. 

 

Epochen der Hochkulturen

 

In der Geschichte gab es an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten, Gesellschaften mit einer Hochkultur. Hochkulturen, deren Erfindungen und Lebensweisen uns selbst im sogenannten KI-Zeitalter noch stark faszinieren. 

Ein Beispiel hierfür ist das alte Babylonian, das die Keilschrift, die zuvor in Sumer entstand, weiterentwickelte. Die Babylonier handelten nach dem Motto „Keep it simple” und verwandelten so einen kleinen Ort in eine Hochkultur, die bis heute die Welt prägt. In Europa gab es natürlich die minoische Kultur, die als erste Hochkultur Europas gilt, oder die mykenische Zeit mit ihren schönen Palästen. Auch der Hellenismus konnte sich unter dem ersten Massenmörder Europas ,Alexander der Große, weit bis nach Asien ausbreiten. Ihnen verdanken wir die moderne Philosophie, Literatur und am wichtigsten, unsere “freie” Demokratie. In Amerika gab es die alte Maya-Kultur mit ihrer beeindruckenden Architektur, ihrer Mathematik, ihrer Astronomie, einem ausgefeilten Schriftsystem und ihren sagenhaften Reichtümern an Gold. Leider unterlag sie einer neuen Kultur aus dem fernen Europa, die von Gier, Schulden und Goldfieber geprägt war. Krankheiten, die später den sogenannten „schwarzen Kontinent“ ebenfalls schwer treffen sollten. Krankheiten, die leider bis heute andauern und weltweit bei vielen Menschen großes Leid verursachen. 

Der charismatische Anthropologe und selbsternannte Anarchist DAVID GRAEBER hat dies in seinem Buch „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ gut dargestellt. Eine seiner Thesen besagt, dass die Ausrottung der Ureinwohner nicht ausschließlich rassistisch motiviert war. Schulden und Kredite spielten ebenfalls eine zentrale Rolle. Die ersten Entdecker“ hatten sich bei ihren Geldgebern und Finanziers in Europa so stark verschuldet, dass sie unter enormem Druck standen, ihre Unternehmungen profitabel zu machen. So nahm die Geschichte ihren verhängnisvollen Lauf.

Wenn man sein Buch liest, kann man nachvollziehen, warum er von dem sogenannten Establishment nicht nur verhasst, sondern auch gefürchtet war. Denn wie man so schön sagt: Die Schulden des einen sind der Wohlstand des anderen.

Wer nicht gerne liest, dem empfehle ich, sich die Debatte mit dem Soziopathen Peter Thiel auf YouTube anzuschauen, in der Graeber ihn historisch und rhetorisch so vernichtet hat, dass Thiel nichts anderes übrig blieb, als stotternd und verschwitzt als Verlierer die Bühne zu verlassen. Oh man, wie sehr wir alle den liebevollen, intelligenten und lustigen David vermissen – aka  „WIR SIND DIE 99 %“.

Aber jetzt wieder zurück zum Thema! Ein anderes Beispiel für eine Hochkultur ist das alte Ägypten mit seinen riesigen, mysteriösen Pyramiden und Hieroglyphen. Bis heute rätseln Wissenschaftler darüber, wie eine Kultur in Afrika imstande war, solche Leistungen zu vollbringen. Eher traut man einer ”hochintelligenten Zivilisation” aus dem Weltall solche außergewöhnlichen Leistungen zu als Menschen vom schwarzen Kontinent.

Ebenso beeindruckend ist das ehemalige Königreich Abessinien in Ostafrika mit seinen zahlreichen alten und wunderschönen Klöstern wie Debre Libanos, das zu den wichtigsten Klöstern der äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche zählt. Im Südwesten Nigerias, lag die heilige Stadt Ile-Ife, die als spirituelles Zentrum der Yoruba-Zivilisation galt. Dort entstanden Meisterwerke der Metallgusskunst aus Messing und Kupfer sowie Terrakotta-Arbeiten, die für ihren erstaunlichen Naturalismus bekannt sind. Die Stadt verfügte bereits über gepflasterte Straßen und eine hochentwickelte Glasperlenherstellung. 

Eine weitere Hochkultur, die in Afrika existierte, war das mächtige Königreich Benin. Eine Kultur, die für ihre hochentwickelten Gussarbeiten aus Messing und Bronze sowie für filigrane Elfenbeinschnitzereien weltberühmt war. Auch das ehemalige Malireich in Westafrika zählt zu den bedeutendsten Reichen der afrikanischen Hochkultur. Es gelangte durch den Goldhandel zu großem Reichtum und brachte mit MANSA MUSA einen der reichsten Menschen der Geschichte hervor.

Sogar ich als jemand der aus Afrika selbst stammt, hatte es wirklich schwer zu glauben, dass der Reichste Mensch der je auf der Erde gelebt hatte aus Afrika kommt. Ein Kontinent, den man heute oft nur mit Unterentwicklung, Armut, Korruption, IWF, Weltbank NGOs, Bill Gates und Afrobeats verbindet.

An meinem Beispiel konnte man gut beobachten, wie es einem Kulturell arm machen kann, wenn ein Teil des Wissens nicht mehr Existiert. Wenn es für mich schon schwer war, dieses zu akzeptieren, wie muss es sich dann erst für jemanden anhören, dem von klein auf beigebracht wird, dass Afrika vor der Kolonialisierung ein wilder Ort mit wilden Stämmen gewesen sei? Ein Ort mit tierähnlichen Wesen, die angeblich erst durch das Eingreifen der europäischen Zivilisation“ vor dem Untergang gerettet wurden sind? Aber die Historiker sind sich hier zum Glück einer Meinung. Was unter ihnen sehr selten vorkommt, wenn es um Afrika geht.

 

Von den Wurzeln entrissen

 

Irgendwann in der Geschichte kam es dazu, dass diese beiden Kulturen auf afrikanischem Boden aufeinander trafen. Die Afrikaner waren gastfreundlich und hießen diese fremden Menschen aus einem fremden Kontinent willkommen. Sie tauschten Waren mit ihnen aus und beschenkten sie mit wertvollen Kulturgütern. Sie sangen und tanzten für sie und signalisierten ihnen damit ihre freundschaftlichen Absichten. Sie erfreuten sich an den neuen Dingen, die sie als Gegenleistung dafür erhielten, ohne zu wissen, dass sie bald für diese Fremden aus der fernen Welt selbst zu Waren zählen sollten. Als sie das heimtückische Vorhaben bemerkten, war es leider bereits zu spät. Damit nahm das schlimmste Kapitel der Menschheitsgeschichte seinen Lauf: der Transatlantische Sklaven Handel

Nun fanden sich einige dieser gastfreundlichen, stolzen Afrikaner aus einer freien Hochkultur, reich an Traditionen, wie Tiere angekettet auf einem fremden Sklavenschiff wieder. 

Ich frage mich oft, was sie auf den Schiffen gedacht haben, als ihnen klar wurde, dass sie ihre wunderschöne Heimat, in der sie zu Welt kamen, nie wiedersehen würden. Die Heimat ihrer Vorfahren. Die Heimat ihrer langen, vertrauten Traditionen und Bräuche. Die Heimat, mit der sie kulturell verbunden waren und die ihnen Identität verlieh. Die Heimat ihrer Liebsten, die sie nun gezwungenerweise für immer zurücklassen mussten. 

Ihre Zukunft lag nun in den Händen von weißen Schleppern aus einer fernen Welt, die von Schulden und Profitgier getrieben wurden. Einer fernen Welt, die “Freiheit“ und “Gleichheit“ für alle Menschen ausrief, solange sie europäische Wurzeln hatten. Diese Freiheit galt jedoch nicht für die Afrikaner, die man zu Handelsware erklärte und die später als Arbeitstiere dienen sollten. Insbesondere galt diese Freiheit nicht für die indigenen Völker Amerikas, die sich stark gegen die neuen weißen Siedler aus Europa gewehrt haben, die ihr Land zu ihrem eigenen erklärt hatten. Diese indigenen Völker zogen überwiegend den Tod vor, anstatt als Sklaven in ihrem eigenen Land für die neuen weißen Siedler weiterzuleben. Aber dieses Problem sollte schon bald durch die neue Ware“ aus Afrika gelöst werden. 

Es ist schon sehr paradox, wenn man bedenkt, dass die Nachfahren dieser entführten Menschen aus Afrika später eine große Rolle beim Export des American Way of Life spielen werden. Diejenigen hingegen, die in Afrika zurückgelassen wurden, blieb keine Zeit der Freude. Schon bald sahen sie sich mit einer neuen Kultur kolonialer Siedler aus Europa konfrontiert, die ihnen die sogenannte neue europäische “Zivilisation“ mit der Peitsche und schaffe Munition bringen sollten. Dies ist jedoch ein Thema, das ich in einem eigenen Blogbeitrag ausführlicher behandeln werde. Also bleibt gespannt.

Unten im Deck, wo die entführten Menschen gefangen gehalten wurden, roch es überall nach Exkrementen und Erbrochenem, das sich im Laufe der Überfahrt angesammelt hatte. Krankheiten, von denen sie in ihrer Heimat verschont geblieben waren, breiteten sich schnell aus und kosteten vielen von ihnen das Leben. Da auch an Wasser und Nahrung gespart wurde, starben viele Menschen an Dehydrierung und Mangelernährung. Die “tote Ware“, die nicht mehr verwendbar war und keinen Profit mehr bringen würde, warf man ganz bequem ins offene Meer. 

Offiziell spricht man von zwei Millionen Menschen, die während der Überfahrt ums Leben kamen und ins offene Meer geworfen wurden. Viele Historiker gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt. Weil die Überfahrten auf den Schiffen Wochen dauerte, kam es auch oft zu Vergewaltigungen an den Frauen und häufig auch an kleine Mädchen. Ja, für die Menschenhändler waren die tierähnlichen Wesen mit ihren schönen Kurven und vollen Lippen, für ihre kranken, perversen Bedürfnisse doch nicht so unzivilisiert und unattraktiv. Diese Art der monströsen Behandlung mussten nicht nur Frauen und kleine Mädchen ertragen. In manchen Fällen ist dokumentiert, dass auch Männer diese grausame, unmenschliche und würdelose Behandlung erleiden mussten, wie DR. RICHARD WILLIAMS es in seinem Buch „They Stole It, We Must Return It Back“ beschreibt. Eine Behandlung, die später auf dem Festland selbstverständlich von den neuen Besitzern weiter geführt wurde. Die neue Handelsware aus Afrika hatte neben der Arbeitskraft für den Besitzer auch einen lukrativen “Zusatznutzen“, wie wir heute im Marketing sagen würden.

Sein Buch kann ich nur von ganzem Herzen empfehlen. Es ist nichts für schwache Nerven, doch wenn das die harte Realität war, ist es wichtig, sich ihr genau deswegen zu stellen. Es ist wichtig, diese monströse Grausamkeit der Menschenhändler in Erfahrung zu bringen, wenn wir uns von den Traumata befreien und davon heilen wollen. Vor allem, wenn wir als Menschen vorankommen wollen, ist es wichtig, sich mit dieser grausigen Zeit der Geschichte kollektiv auseinanderzusetzen. Das systematische Verdrängen hat bekanntlich zu nichts geführt, sondern zu erneuten Traumata, die immer wieder an die nächste Generation weitergegeben werden, weit über die Kontinente hinaus. 

Es ist Zeit, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, bevor er uns endgültig zerstört!

 

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

 

Für die verschleppten Menschen aus Afrika glich die Überfahrt einem schlimmen Horrorfilm, den sich kein moderner Regisseur jemals ausdenken könnte. Diejenigen, die das “Glück“ hatten, es bis in die Neue Welt zu schaffen und nicht auf offener See an Krankheiten, Hunger oder an den Verletzungen zu sterben, die ihnen von ihren Schleppern zugefügt wurden, wurden nun wie Tiere aus den Schiffen gezerrt. Sie fanden sich plötzlich in einer neuen Welt wieder. Einer Welt die ihnen mehr als Fremd war. Einer Welt in der ihnen ihre gottgegebenen Menschenrechte nicht mehr existierten. Diese fremde Welt sollte von nun an ihre neue Heimat werden. Eine fremde Welt, in der sie sich über Jahrzehnten hinweg niemals dazugehörig fühlen sollten.

Entrissen von ihren Bräuche und Werte, was ihnen ihre Kultur gab, begann damit nicht nur ein jahrhundertelanger Kampf um Identitätsfindung, sondern auch ein jahrhundertelanger Kampf ums nackte Überleben.

Als Arbeitstiere hatten sie lediglich ihrem neuen weißen Besitzer zu dienen und von morgens bis abends hart auf den Plantagen zu arbeiten. Wer sich nicht mit der neuen Realität abfinden wollte, wurde vor den Augen aller mit voller Gewalt zurechtgewiesen. Hier konnte man die unbegrenzte Grausamkeit und Kreativität der zivilisierten Menschenhändler noch mehr bestaunen. Mal fesselten sie den Aufmüpfigen an einen Baum oder auf den Boden und peitschten ihn auf den Rücken, bis das Blut in alle Richtungen spritzte und er schließlich in Ohnmacht fiel. Oder man verbrannte die Haut mit einem glühenden heißen Eisen bis tief ins Fleisch. Wenn  man das bei Kühen und Pferden anwenden konnte, warum dann nicht auch bei schwarzen tierähnlichen Wesen? Ich kann mir vorstellen, dass diese Menschenhändler, die höchstens einen IQ von  60 gehabt haben müssen, genau so gedacht haben. Denn für sie war es lediglich die reale Praxis der bekannten Theorie „survival of the fittest“.

Charles Darwin hatte es ja mit seiner wissenschaftlichen Arbeit klar definiert. Und seit MaiLab wissen wir ja, dass das, was die Wissenschaft als richtig erklärt, wissenschaftlich richtig ist und das Hinterfragen von Wissenschaft wissenschaftlich falsch ist. Für manche mag dieser Satz keinen Sinn ergeben, aber da das Wort „Wissenschaft“ darin mehrmals auftaucht, ist er zumindest wissenschaftlich richtig und ergibt somit auch Sinn. Anyway!

Ebenfalls beliebt und häufig angewendet, war das Einsperren der Aufmüpfigen in kleine Blechkäfige unter der brennenden Sonne, bis sie vor Durst, Erschöpfung und Verbrennungen zusammenbrachen. Auch einer der Straffe, die ab und zu benutzt wurde, war das Lynschen eines Aufmüpfigen an einem Baum. Diese bestialischen Massnahmen setzte der Sklavenhalter aber nur selten ein. Das hatte natürlich keinen ethischen oder moralischen Hintergrund, sondern nur einen wirtschaftlichen. Denn was wir nicht vergessen dürfen, ist, dass der Afrikaner für den Sklavenhalter eine Investition war, die ihm Arbeitsnutzen brachte. Eine verlorene Investition bringt bekanntlich keinen Return on Investment. Was jeder BWL,er im ersten Semester schon beigebracht bekommt. 

Später, als diese Menschen frei waren und für die Sklavenbesitzer die neue “Gefahr” darstellten, wurde diese Art des Mordens nahezu täglich durchgeführt.

Ja, den Sklavenbesitzern mit starken sadistischen Zügen mangelte es tatsächlich nicht an Kreativität. Wer sich diese sogenannten christlichen Umerziehungsmaßnahmen anschauen will, braucht nur in Suchmaschinen nach entsprechenden Bildern zu suchen. Es gibt reichlich dokumentierte Fälle davon. Und wer mehr über diese grausame Behandlung erfahren will, dem empfehle ich das Buch der bezaubernden und intelligenten  HARRIET A. WASHINGTON: „Medical Apartheid: The Dark History of Medical Experimentation on Black Americans from Colonial Times to the Present“. Ein starkes Buch einer starken, intelligenten und mutigen Frau.

Diese unmenschlichen, teuflischen Behandlungen dienten nicht nur als Strafe für diejenigen, die ihr gottgegebenes Recht auf Freiheit einforderten, sondern auch zur Abschreckung der anderen Sklaven diese ungezogenen Rebellen nachzuahmen. Doch egal, wie sehr die neuen Sklavenbesitzer versuchten, diesen Menschen ihr Freiheitsgefühl auszutreiben, es fanden sich immer genug mutige unter ihnen, die die Freiheit vorzogen und eher bereit waren, bei einem Fluchtversuch zu sterben, als für immer als Sklaven in Ketten zu leben. Als der Sklavenbesitzern merkte, dass die physische Bestrafung diesen tief sitzenden Drang nach Freiheit nicht brechen konnte, wandten er psychologische Methoden an. Er verbot ihnen, ihre eigene Sprache zu sprechen, schnitt ihnen die Haare, trennte Familienangehörigen von einander,  kleidete sie in neue, moderne Kleidung und gab ihnen neue, schön klingende westlich “christliche" Namen. Aus Kwaku wurde John und aus Yewande wurde Megan. Damit entfernte er alles, was sie an ihre alte Heimat, Bräuche und ihre Kultur erinnerte.

Die ehemals freie Afrikaner erhielten eine neue Identität. Von nun an galt es nicht nur, ein gutes Nutztier für den weißen Besitzer zu sein, sondern auch ein guter Christ, der sich von Montag bis Samstag von morgens bis abends auf der Plantage zu Tode schuftete, nur um am Sonntag in der Kirche des Sklavenhalters für die Vergebung der Sünden jener zu beten, die ihn aus seiner Heimat verschleppt hatten.     

Lesen war ihnen nur gestattet, solange es sich um die Bibel handelte. Alles andere war selbstverständlich verboten. Sich Bildung und Wissen außerhalb der Bibel anzueignen, konnte sogar mit dem Tod bestraft werden.                                                                         

Ja, der Sklavenhalter war nicht dumm. Er wusste, wozu Bildung imstande sein konnte, denn das hatte er im alten Europa während der Reformation der katholischen Kirche selbst erlebt. Um das zu verhindern, tat er alles, um diese neue Identität des guten christlichen Sklaven in den Köpfen der ehemals freien Menschen zu verankern. Doch sie hatten die Rechnung ohne den intelligenten, tief gläubigen Prediger und guten Christen NAT TURNER gemacht. 

 

Ein langsames kulturelles Sterben

 

Turner war ein in der Sklaverei geborener Mensch, der die Bibel seit seiner Kindheit studierte und darin die Prophezeiung sah, sich und seinesgleichen aus der Sklaverei zu befreien. Am 21. August 1831 wollte Turner diese Prophezeiung schließlich in die Realität umsetzen. Er versammelte 60 bis 70 Menschen, die wie er in der Sklaverei geboren worden waren und sich sehnlichst die Freiheit erhofften. Vier Tage lang zogen sie durch die kleine Ortschaft und töteten über 50 Menschen. Die Rebellion dauerte jedoch nicht lange an. Kurz darauf wurde sie von staatlichen Truppen und einem wütenden Mob brutal niedergeschlagen. Aus Rache töteten sie über 100 Menschen, nur weil diese es gewagt hatten, für ihre gottgegebene Freiheit zu kämpfen. Nat Turner wurde leider in Gefangenschaft genommen und nach einem Prozess, der ihn selbstverständlich schuldig sprach, öffentlich durch den Strang hingerichtet.

Es war natürlich weder der erste noch der letzte Fluchtversuch. Überall dort, wo ehemals freie Menschen aus Afrika als Sklaven gehalten wurden, kam es immer wieder zu kleinen Revolten, die jedoch mit voller Härte niedergeschlagen wurden. Hier und da kam es vereinzelt zu Fluchtversuchen, von denen einige erfolgreich waren, viele jedoch scheiterten.

Für die freiheitsdurstigen Menschen war der liberale Norden der USA das Ziel, der als sicherer Hafen galt, in dem die Sklaverei nicht existierte. Wer es bis in den sicheren Norden des Landes schaffte, galt zwar als freier Mensch, war jedoch weder ebenbürtig noch vor dem Gesetz gleichgestellt.  Den Menschen im Süden, die noch immer als Sklaven galten, blieb nichts anderes übrig, als sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Den Ort, den sie einst Heimat nannten, lag inzwischen bereits mehrere Generationen zurück. Für die meisten von ihnen, die in der Sklaverei geboren waren, war dieser Ort nur noch aus Erzählungen bekannt. Sie waren komplett von ihren Wurzel entrissen und somit begann ein langsames kulturelle Sterbens, das noch bis heute andauert. 

Den bekanntlich kann ein Baum ohne seine Wurzel nicht lange existieren. 

Ein Ereignis, das dieses langsame Sterben in seiner Anfangsphase darstellt, ist das Buch BARRACOON - Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven, von  ZURA NEALE HURSTON, was die Biografie von OLUALE KASSOLA erzählt. Eine spannende Geschichte, die ich mehr als nur empfehlen kann. Oluale war ein freier Mensch, der 1860 gemeinsam mit 100 anderen freie Menschen illegal aus seiner Heimat in Westafrika entführt wurde, um sein Leben als Sklave in der sogenannten freien Welt fortzuführen. Was diese Geschichte noch trauriger macht, ist die Tatsache, dass die Zeit als Sklave nur fünf Jahre dauerte, denn 1865 wurde nach dem Bürgerkrieg in dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ die Sklaverei abgeschafft.                                       

Nun waren sie freie Menschen in einem fremden Land, das ihnen ironischerweise fünf Jahre zuvor die Freiheit geraubt hatte. Frei, jedoch ohne Besitz und die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren, weil ihnen das Geld für die Überfahrt fehlte und keiner sich bereit erklärte ihnen zu helfen. Ja, sie waren nun frei, doch blieben sie weiterhin von der Gutmütigkeit ihrer ehemaligen Besitzer abhängig, die nun als ihre Arbeitgeber auftraten. Sie hofften zunächst auf Solidarität mit den anderen Schwarzen in Amerika. Doch diese Hoffnung wurde schnell begraben. Die langen Jahre der Sklaverei hatten bei den Nachfahren der ersten verschleppten Menschen leider tiefe Spuren hinterlassen. Anstatt auf offene Arme zu stoßen, erfuhren er und die anderen Afrikaner der CLOTILDA häufig Ablehnung.                  

In dem Buch schildert Oluale, dass diese ersten Begegnungen mit den Nachfahren versklavter Menschen nicht nur schwierig und enttäuschend, sondern oft auch sehr schmerzlich waren. Die afroamerikanischen Gemeinschaften betrachteten die neu angekommenen Afrikaner oft als fremd oder unzivilisiert. Auch sprachlich und kulturell unterschieden sie sich stark voneinander. Ich kann mir Vorstellen, dass für Oluale und die anderen Afrikaner diese Situation sehr surreal gewirkt haben müsste.

Ihnen gegenüber standen Menschen, die genauso aussahen wie sie, jedoch durch die jahrelange Ausbeutung und den Verlust ihrer Identität nicht mehr wieder zu erkennen waren. 

Vor ihnen standen Brüder und Schwestern, deren Seelen verloren waren, wie man sie später beschreiben sollte. Ja, der Sklavenhalter hatte es tatsächlich mit seine Physischen und vor allem Psychische Misshandlungen geschafft. Aus den ehemals freien Afrikanern waren nun gute “amerikanischen Christen” geworden, die nicht nur die Sprache, sondern auch das Denken ihrer ehemaligen Sklavenhalter und deren Vorstellung von einer überlegenen Rasse übernommen hatten. Sie fühlten sich nicht mehr wie Afrikaner. Sie waren jetzt “AFRO AMERIKANER”.

Meiner Meinung nach konnte man hier bereits frühe Anzeichen eines kollektiven Stockholm-Syndroms beobachten, die sich im Laufe der Jahre weiter verfestigen sollte. Das ist vielleicht eine gewagte Theorie, aber ich denke, dass diese Theorie uns dabei helfen kann, ein Verhalten zu verstehen, das in der Geschichte einmalig ist. Ich werde mein bestes versuchen, sie zu einem späteren Zeitpunkt näher zu beschreiben.

Später sollte der Psychologe FRANZ FANON dieses Phänomen in seinem Meisterwerk „Schwarze Haut, weiße Masken” analysieren und eindrucksvoll darstellen. Das Buch ist ein muss für alle, die die Komplexität der Nachwirkungen von Sklaverei und Kolonialisierung verstehen möchten.

Was Oluale und die übrigen Überlebenden der Clotilda betraf, waren sie leider gezwungen, ihr Vorhaben aufzugeben, Geld für die Überfahrt in ihre Heimat zu sammeln, nachdem mehrere Versuche gescheitert waren. Sie taten das, was freie Menschen mit einer lebendige Kultur und tiefen Verbindung zu ihren Traditionen tun. Sie erwarben von ihren ehemaligen Besitzern ein Stück Land, bewirtschafteten es und machten es zu ihrem neuen Zuhause. Ein Zuhause, in dem sie ihre Traditionen und Bräuche weiterleben konnten, und das sie stolz und würdevoll AFRICATOWN nannten. Eine kleine Gemeinde in Alabama, die bis heute besteht und diesen Namen trägt.

Nun waren sie frei. Frei von den Ketten. Frei von körperlicher und seelischer Ausbeutung. Frei von den Peitschen ihrer Peiniger. Frei von dem jahrelangen Terror auf den Plantagen. Ja, sie waren jetzt freie Menschen und keine Sklaven mehr. Doch diese Freiheit sollte sich bald als ein neues System der Unterdrückung herausstellen: ein rassistisches System, das sie zu Untermenschen machen sollte und allein dazu geschaffen wurde, diese gesellschaftliche Ordnung über Jahrzehnte hinweg zu festigen. Ein System, dessen einziges Ziel es war, die Entwicklung einer starken Kultur, einer „KULTUR DER STÄRKE“, um jeden Preis zu verhindern.

Und somit begann ein jahrzehntelanger Kampf um Anerkennung, Würde und Freiheit. Doch dazu mehr im zweiten Teil.

Ich denke, zum Abschluss des ersten Teils eignet sich ein Zitat eines weisen und klugen Mannes, das diese Entwicklung treffend auf den Punkt bringt.

„Sie lähmen den Flügel des Vogels und verurteilen ihn, weil er nicht so schnell fliegt wie sie.“

Das Zitat stammt natürlich von dem berühmten DR MALCOLM X. Wer sonst?

In diesem Sinne: Bis zum zweiten Teil!

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Kommentare

Nona
Vor 3 Tage

Interessanter und zugleich tiefgründiger Beitrag. Besonders der Gedanke von kollektiver Verletzlichkeit und dem Bewusstsein eigener Stärke ist mir dabei aufgefallen. Der Text regt wirklich zum Nachdenken an.
Ich bin gespannt auf den nächsten Teil.